Wort zum Sonntag, den 05. Juli 2020 in Wuppertal-Elberfeld/Ostersbaum

Liebe Geschwister,

seid gegrüßt mit der zehnten, der letzten „Lebensregel“ von Martin Schleske. Die ersten neun kennt Ihr ja schon:

  • Lass dich führen!
  • Gib acht, dass dein Leben in der Anbetung bleibt!
  • Lass los, was du mit Druck erreichen willst. Nur die selbstsüchtigen Dinge kannst du erzwingen; die wesentlichen Dinge aber sollst du empfangen.
  • Sei nicht träge, das zu tun, was dir klar geworden ist.
  • Halte dich nicht für klug, sondern erlaube der Weisheit Gottes, dich zu überraschen!
  • Sei bereit, deinen Weg vor Gott zu verantworten, und sage nicht, du seist moralisch zu schwach. Denn du sollst aus der Vergebung deiner und deiner Mitmenschen leben.
  • Nur wer reinen Herzens ist, wird Gott schauen. Halte darum jede Bitterkeit von dir fern. Wundere dich, aber ereifere dich nicht. Halte deine Seele durch bleibendes Gebet in der Stille.
  • Bewahre Ehrfurcht vor dem Geheimnis und der Nähe Gottes, und bewahre Barmherzigkeit gegenüber dem Wesen und den Schwächen deines Nächsten.
  • Mache aus deinen Sorgen Gebetsanliegen und lass diese in Gott zur Ruhe kommen.
  • Hüte deine Zunge davor, durch Tratsch, Lüge, Gehässigkeit und Schärfe andere zu verletzen. Sprich das Böse, das du hörst nicht weiter, sondern befehle es Gott an.

 

Der Predigttext für den 05. Juli 2020 steht im Römerbrief, Kapitel 12,17-21 (Neue evangelistische Übersetzung):

17 Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Bemüht euch um ein vorbildliches Verhalten gegenüber jedermann!

18 Soweit es irgend möglich ist und soweit  es auf euch ankommt, lebt mit allen Menschen in Frieden!

19 Rächt euch nicht selbst, ihr Lieben, sondern lasst Raum für den Zorn Gottes! Denn in der Schrift steht: „Es ist meine Sache, das Unrecht zu rächen, sagt der Herr, ich werde Vergeltung üben!“ (5. Mose 32,35)

20 „Wenn dein Feind hungrig ist, gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken! Denn wenn du das tust, wirst du ihn zutiefst beschämen.

21 Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit dem Guten!“ (Sprüche 25,21-22)

 

Wenn ich euch fragen würde, wem ist schon mal Böses wiederfahren, oder wem ist schon mal übel mitgespielt worden, was würdet ihr sagen?

Wem nichts einfällt ... der ist gesegnet! Ich fürchte allerdings, dass jedem hierzu etwas einfällt, vielleicht dem ein oder anderen auch gleich mehreres.

Die ganz große Frage ist: wie wir, wie du und ich damit umgehen. Darauf kommt es an, das ist das Wichtigste. Wenn uns Gutes wiederfährt, ist Dankbarkeit die richtige und angemessene Reaktion. Aber wie gehen wir mit Bösem um? Paulus hält das Thema für so wichtig, dass er am Ende des Römerbriefes den Gläubigen unmissverständlich mitteilt, wie damit umzugehen ist. Rache wäre die natürliche Reaktion darauf, wenn einem Unrecht oder richtig Böses angetan wird. Der andere soll erkennen, dass er im Unrecht ist und wenn möglich, für das, was er getan hat, büßen. Dabei kann meine Reaktion durchaus heftig ausfallen. Ich wünsche dann dem anderen ebenfalls Böses.

Beispiel: Da trägt jemand im Gedränge im Supermarkt keine Maske und nießt auch noch ohne jede Rücksichtnahme oder Schutz. Ich merke, dass ich ihm wünsche, dass er am eigenen Leib erfährt wie brutal dieses Virus zuschlagen kann. Ich empöre mich über das Verhalten des anderen. Rege mich auf und bin aus dem Häuschen. Mit Abstand und Verstand betrachtet ist das Verhalten des anderen unverantwortlich und bedarf der Korrektur. Kann ich mir Liebe für ihn schenken lassen und ihn freundlich darauf hinweisen, dass er seine und die Gesundheit anderer gefährdet? Oder scheue ich den Konflikt und gehe ihm aus dem Weg und rege mich lieber auf? In dieser Situation würde ich es für angebracht halten, ihn auf die gefährlichen Konsequenzen seines Verhaltens für andere Menschen hinzuweisen und ihn klar dazu auffordern, die Abstandsregel und die Maskenpflicht einzuhalten.

Gleichzeitig sind wir als Christen von Jesus dazu aufgefordert, anderen Menschen zu vergeben. Begründung: Jesus hat mir unendlich viel vergeben und mit dem Tod dafür bezahlt. Das ist keine lange Begründung, aber die reicht aus. Das Böse soll darüberhinaus keine Macht über mich gewinnen, mich bestimmen oder gar zerstören. Der Satz stimmt: „Wer vergibt, gönnt sich selbst die größte Wohltat.“ Wenn ich bei meinen Vergeltungs- oder Rachegedanken bleibe, behält das Böse Macht über mich. Der andere lebt vielleicht sogar fröhlich pfeifend weiter und ich sitze in meinem Schlamassel. Okay, der andere muss ja auch keinen offensichtlichen Schaden genommen haben - aber ist der Ärger oder Zorn es wert,  das ich ihm ermögliche mich zu prägen? Nein, das ist er nicht. Ich komme so nur  schwer runter von meinen destruktiven Gedanken. Paulus fordert die Römer auf, das Böse durch das Gute zu überwinden! Wir fragen uns – wie soll das gehen? Im Jugendamt habe ich oft den Satz gesagt: „Der Wahnsinn hat mehr Energie als das Gesunde!“ Warum? Weil er nichts mehr zu verlieren hat. Wer mit dem Rücken zur Wand steht, kämpft mit der Energie eines Verzweifelten. Deshalb stellt sich die Frage: Behält dann nicht schlussendlich das Böse die Überhand und gewinnt? Es mag oft so aussehen, aber es ist in der Tat anders. Vergeben setzt neue Energie frei und das nicht nur bei mir. Paulus geht davon aus, dass derjenige der im Unrecht ist durch die gute Tat beschämt wird und neu die Möglichkeit zur Umkehr bekommt. Es mag dabei auch ein Trost sein, dass Gott Gericht übt und Ungerechtigkeit und das Böse nicht ungestraft bleiben. Gottes Gericht ist gerecht, meine „Rechtsprechung“ ist zu oft von persönlichen Erwägungen und Kränkungen bestimmt. Ich bin quasi parteiisch und deshalb nicht der Lage ein gerechtes Wort zu sprechen. Deshalb: Gebt Raum für den Zorn Gottes! Wenn ich meinem Zorn Raum gebe, ist kein Raum mehr für den Zorn Gottes vorhanden. Ich nehme dann das Gericht Gottes vorweg. Da kommt nichts Gutes dabei heraus.

Der Vers: „Überwindet das Böse mit dem Guten“ war für mich Leitvers für die Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen. Ich konnte mir absolut nicht vorstellen mit einer Waffe in der Hand zu üben, wie ich Menschen erschieße. Bei der Verhandlung kam dann die klassische Frage: „Stellen sie sich vor, jemand steht mit einer Maschinenpistole vor einer Schulklasse und droht damit die Kinder zu erschießen. Würden sie dann nicht auch auf eine Waffe zurückgreifen wollen, um die Kinder zu schützen?“ Meine Antwort kam wohl zu nachdenklich und das wurde so gedeutet, als ob ich diese Möglichkeit nicht ausschließen würde. Ich fiel durch. Es kam zu einer zweiten „Gewissensprüfung“. Mir wurde dieselbe Frage ein zweites Mal gestellt. Diesmal antwortete ich mit größtmöglicher Verzweiflung, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Ich würde daran glauben, dass das Böse nur durch Gutes und nicht durch Böses überwunden werden kann. Was von mir in der Verhandlung erwartet wurde, war Eindeutigkeit und Leidenschaft, mich für das, was ich für richtig hielt einzusetzen, ohne wenn und aber. Das gilt auch heute noch: Das Gute braucht alle Leidenschaft von uns, alle Eindeutigkeit und entschlossene Hingabe! Letztlich ist es Jesus, der so umfassend gut und gerecht ist, dass er unseren ganzen Einsatz verdient.

Die 10. Lebensregel von Martin Schleske hilft dazu, dass das Böse keinen Raum in meinem Leben einnehmen kann. „Hüte deine Zunge davor, durch Tratsch, Lüge, Gehässigkeit und Schärfe andere zu verletzen. Sprich das Böse, das du hörst nicht weiter, sondern befehle es Gott an.“ Die Lösung des Problems liegt doch darin: „Befehle es Gott an!“

Lied:
Befiehl du deine Wege
und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.
  (Paul Gerhard 1607-1676)

Das nachfolgende Gebet ist kein frommes Wunschdenken!

Gebet:
Herr,
mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man sich hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten, nicht, dass ich verstanden werde,
sondern, dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.
Amen
(Verfasser unbekannt)

Werner Meier


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